Sophie Lübbert

Inspiriert durch ihre Oma, hat Sophie Lübbert das Projekt "Story of my Life" gestartet. Im Interview verrät uns die Journalistin, wie sie dazu kam, die Lebensgeschichten älterer Menschen aufzuschreiben, was sie dabei besonders berührt und was ihr schönstes Berufserlebnis war…

  

Wie bist du auf die Idee zu „Story of my life“ gekommen?

Auf die Idee hat mich meine eigene Oma gebracht. Sie hat mit Mitte 70 angefangen, ihr eigenes Leben aufzuschreiben. Sie war keine geborene Schreiberin, sie hatte schlechte Augen und konnte kaum die Buchstaben vor sich auf der Schreibmaschine sehen (ja, sie hat mit einer Schreibmaschine geschrieben, alles andere war ihr nicht geheuer)... aber sie hat trotzdem getippt. Getippt. Und getippt. Monatelang. Und irgendwann hatte sie ihre komplette Lebens-Geschichte aufgeschrieben.

Sie hat sie binden lassen und nie jemanden gezeigt. Erst als sie Jahre später gestorben ist, habe ich diese ganzen Aufzeichnungen in ihrem Nachlass gefunden. Ich hatte keine Ahnung, was es war und habe einfach komplett unvorbereitet angefangen, sie zu lesen – und war sehr gerührt davon. Ich hatte das Gefühl, meine Oma noch einmal ganz anders, ganz neu kennenzulernen. Dann habe ich überlegt, dass es sicher viele ältere Menschen gibt, die so viel zu erzählen haben wie meine Oma.

 

Da habe ich dann beschlossen, dass ich genau das machen will; älteren Leuten wie meiner Oma zuhören, was sie zu erzählen haben – und dann ihre Lebensgeschichten für sie aufzuschreiben, damit die Geschichten nicht verloren gehen. Und so war „Story of my Life“ geboren.

 

Was können wir uns unter „Story of my life“ genau vorstellen?

Ich schreibe die Lebensgeschichten älterer Menschen auf.

 

Vom Erstgespräch bis zum Buch, wie funktioniert das?

Zuerst treffe ich die Person. Setze mich mit ihr auf einen Tee und Kekse zusammen, am besten bei ihr zu Hause – dann bekommt man schon ein gutes Gefühl für die jeweilige Person. Wir reden, gewöhnen uns aneinander, schauen, ob wir gut miteinander auskommen.

Das ist total wichtig, dass man miteinander auskommt, sich menschlich gut versteht – immerhin muss die Person das Gefühl haben, mir ihr komplettes Leben anvertrauen zu können. Wenn sie das hat, wenn es zwischen uns passt, dann fängt das richtige Gespräch zwischen uns an.

Es dauert bis zu fünf Tagen, in denen ich mir das gesamte Leben der Person von ihr erzählen lasse. Komplett. Erst wenn ich genug weiß, beginne ich mit dem Schreiben. Das kann tatsächlich dauern, oftmals mehrere Wochen, immerhin werden das mehrere hundert Seiten, die ich schreibe.

Wenn ich alles fertig formuliert habe, können auf Wunsch einzelne Illustrationen hinzugefügt werden; eine Illustratorin fertigt zur Geschichte passende Zeichnungen an. Und schließlich wird das Manuskript von einer Buchbinderin gebunden. Nach etwa acht Wochen ist das Werk dann schließlich fertig. 

 

Gibt es auch fertige Biographien von euch, die öffentlich sind?

 

Nein. Die Biographien sind niemals öffentlich, sondern immer rein privat.

 

Wie bist du zum Schreiben gekommen?

Ich habe schon immer gern geschrieben. Mit 14 Jahren habe ich dann ein Praktikum bei einer Zeitung gemacht. Danach hat es sich einfach entwickelt; ich habe mehr journalistische Praktika gemacht und irgendwann die berühmte Hamburger Journalistenschule besucht. Seitdem arbeite ich als Redakteurin für große Zeitungen wie die „Welt am Sonntag“ und die „Zeit“.

 

Wie unterscheidet sich „Story of my life“ von deiner restlichen Arbeit?

Bei der „Zeit“ schreibe ich natürlich über ganz andere Themen – und ganz unabhängig vom Thema muss ich objektiv sein, darf nicht mit den Personen in meinen Geschichten mitfühlen. Das ist bei „Story of my Life“ anders, da bin ich ganz dicht an den Personen dran und sehe alles durch ihre Augen.

 

Was war dein schönstes Erlebnis in deinem Beruf?

Ich habe viele schöne Erlebnisse gehabt, ich möchte da gar keins herausheben. Besonders schön ist es natürlich immer dann, wenn ich mich mit einem Interviewpartner gut verstehe und er mir vertraut und ich dadurch einen richtig schönen, ehrlichen und möglichst persönlichen Text hinbekomme.

 

Oh, da fällt mir doch ein Beispiel ein – mein erstes Interview. Das war mit 19 oder 20 Jahren und ich durfte Udo Jürgens interviewen. Ich war völlig nervös, ich meine, hey, es war mein erstes Interview überhaupt! Ich hatte hektische rote Flecken am Hals und habe Udo Jürgens nie angeschaut, sondern immer nur krampfhaft auf meine aufgeschriebenen vorbereiteten Fragen gestarrt.

Er war aber sehr nett, hat nichts zu den roten Flecken gesagt und alle meine – wie ich heute weiß: leider ziemlich vorhersehbaren – Fragen geduldig beantwortet, eine Stunde lang. Und er hat mir geholfen, als ich mit meinem Diktiergerät nicht mehr klar gekommen bin, weil ich es mit meinen vor Aufregung schwitzigen Händen nicht mehr bedienen konnte. Ich war ihm unfassbar dankbar und habe viel gelernt.

 

Welche Pläne oder Ideen hast du für die Zukunft?

Ich möchte nie mehr ein so nervenzerreißendes Interview wie das mit Udo Jürgens führen... Aber im Ernst: Ich werde jetzt erst einmal alle Energie in „Story of my Life“ stecken. Das ist die unmittelbare Zukunft für mich.

 

Alle Infos zu "Story of my Life" bekommt Ihr unter: www.story-of-my-life.net

 

 

 

 

Redaktion: Susanna Sapiains Valencia; Fotos: Story of my Life