Marie-Louise Schaernack, Brigitte Kasper & Silke Griebel

Mode ist ihre Leidenschaft! Vor über 45 Jahren gründete Marie-Louise Schaernack den Hamburger Secondhand- und Second-Season-Store „Secondella“. Heute leitet sie den Shop gemeinsam mit Brigitte Kasper und Silke Griebel. Die beiden verraten uns, wofür "Secondella" steht, wie die Vintage-Stücke ihren Weg in den Laden finden und welches modische Geheimnis H&M von YSL unterscheidet …

 

 

Wofür steht „Secondella“?

 

Silke Griebel: Es steht für die Vielfältigkeit der Mode, der Label und der Stile.

 

Brigitte Kasper: Wir führen ungefähr 1.000 Label. Bei uns kann die Kundin oder der Kunde alles miteinander kombinieren, Prada mit Gucci oder Windsor. Es ist eine ungeheure Vielfalt und es gibt jedes Kleidungsstück nur ein Mal. Wir nehmen im Jahr ca. 45.000 Teile an, die dann auf die drei Läden verteilt werden. Es ist jedes Mal ein Überraschungsmoment für die Kunden, weil wir jeden Tag 150-200 neue Kleidungsstücke in den Verkauf einsortieren. So wandelt sich das Sortiment täglich. Wir haben Stammkunden, die jeden Tag ihre Mittagspause hier verbringen, weil sie wissen, wenn sie nicht täglich kommen, dass ihnen dieses oder jenes Schnäppchen entgeht.

 

Silke Griebel: Secondhand steht aber auch für Nachhaltigkeit. Es ist eben nicht Fast-Fashion, sondern Mode, die bleibt. „Secondella“ steht für Demokratisierung der Mode, Kunden- und Lieferantenbindung. Es sind auch schon Lieferkunden seit den Anfangsjahren mit dabei, deren erwachsene Kinder uns mittlerweile ihre Sachen bringen. Es ist fast wie ein Feuerwerk, wenn man hier hereinkommt und die Pakete, die uns aus ganz Europa geschickt werden, mit unterschiedlichen persönlichen Stilen und Geschmäckern, auspacken darf. Wir stehen dafür, den persönlichen Kontakt zu den Menschen zu halten und familiär miteinander zu sein, Tradition und unsere Standortverbundenheit zu pflegen.

 

 

Wie hat sich „Secondella“ von den Anfangsjahren bis jetzt gewandelt?

 

Brigitte Kasper: „Secondella“ ist stetig, kontinuierlich und langsam gewachsen. Wir haben nie sehr große Sprünge auf einmal gemacht. Wir haben die Chancen und Möglichkeiten, die sich uns manchmal auch durch Zufall ergeben haben, ergriffen und haben sie umgesetzt.

 

Silke Griebel: Eines ist beständig geblieben: Wir hatten und haben immer schon Platzprobleme, egal wie oft wir umgezogen sind und uns vergrößert haben. Ob von Eppendorf in die Innenstadt, in die ABC-Straße oder von der ABC-Straße hierher in die Hohen Bleichen. Wir haben hier mit einem Laden angefangen, dann das Depot eröffnet und bekamen wieder Platzprobleme, weswegen wir uns dann nochmal vergrößert haben. Es ist so schön, dass die Treue der Lieferanten uns dahin gebracht hat, uns zu erweitern. Aber im Moment sind wir mit unserer Größe zufrieden.

 

Brigitte Kasper: Wir könnten natürlich noch mehr annehmen, bräuchten dann aber auch noch mehr Verkaufsfläche und geschultes Personal, das sich mit den Designersachen gut auskennt.

 

Silke Griebel: Uns ist auch wichtig, dass das Persönliche gewahrt wird. Jeder Lieferant hat bei uns seinen Ansprechpartner, der nicht wechselt und im Laufe der Zeit weiß, wie sein Lieferant betreut werden möchte.

 

 

Wie bekommt ihr eure Ware und wonach sucht ihr euer Sortiment aus?

 

Brigitte Kasper:  Die Sachen müssen gut erhalten und in einem gepflegten Zustand sein. Der zweite Aspekt ist der modische Aspekt, die Sachen dürfen nicht zu alt sein, es sei denn, es handelt sich um besondere Vintage-Teile. Ist es Prada, Gucci, Hermès oder Chanel, spielt das Alter keine Rolle, weil wir drei unterschiedliche Geschäfte haben, die nach Preiskategorie getrennt sind. Laden eins ist das Hauptgeschäft mit den teuersten Sachen, das Depot hat ein mittleres Preissegment und in Laden drei ist nichts teurer als 100 Euro. So kann sich der Kunde orientieren und wird von der Vielfalt nicht erschlagen.    Ältere Designer-Teile, die wir nicht mehr so teuer verkaufen können, geben wir also ins Depot oder in Laden drei. So freut sich dann eine Studentin, dass sie einen Prada-Pulli aus Kaschmir für 30 Euro kaufen kann. Wir haben auch manchmal eine Birkin-Bag für wenig Geld, weil sie viel getragen wurde. Das sind Schätze, über die sich besonders junge Mädchen freuen, die von solchen Designerstücken träumen, sich diese aber auch oft Secondhand nicht leisten können. Bei uns werden sie dann fündig. Im Luxusbereich, besonders bei Hermès, Chanel und Louis Vuitton, gibt es Sonderkonditionen mit den Lieferanten, die persönlich besprochen werden, da diese Dinge auch die Liebe und Zuwendung brauchen, gerade wenn sie den Besitzer wechseln.

 

Silke Griebel: Wir bekommen unsere Ware überwiegend von privaten Lieferanten und das macht uns auch aus. Wir kaufen aber auch in Italien Second Season dazu, also aus der letzten Saison, besonders für Männer, da Männer nicht so häufig Kleidung aussortieren, wie wir uns das wünschen würden.

 

Brigitte Kasper: Manchmal fahren wir auch zu den Lieferanten hin. Wenn es sich um bekannte Schauspieler oder Politiker handelt, die im Geschäft nicht gesehen werden möchten, es große Sammlungen sind, die die Leute nicht selbst herbringen können oder Nachlässe, die eine psychische Belastung für die Hinterbliebenen sind. Wir kümmern uns dann um alles weitere oder auch um Spendensachen.

 

Wir freuen uns immer sehr über Sammlungen, gerade haben wir eine riesige Sammlung an Hermès Tüchern erhalten, ein unglaublich vielfältige Auswahl! Davor hatten wir von einer anderen Lieferantin sehr viele Birkin-Bags bekommen aus verschiedensten Leder und Farben, der letzten zwanzig Jahre, die es gar nicht mehr gibt. Besonders wichtig sind uns auch die Männerteile, hier suchen wir ständig nach neuen modischen und auch klassischen Herrensachen.

 

Im Vintage-Bereich haben wir vor kurzem so viele YSL-Teile bekommen, dass wir damit eine Verkaufsausstellung mit einer richtigen Vernissage kreiert haben.

 

Wichtig ist auch die intensive Echtheitsprüfung. Die Kunden haben Angst vor den Fakes, verständlicherweise, weil diese immer besser werden. Das stationäre Geschäft gibt ihnen eine gewisse Sicherheit, weil sie hier auch hinkommen können, falls es Probleme gibt oder etwas nicht stimmen sollte, was wir zum Glück noch nicht hatten.

 


 

„Secondella“ gibt es seit über 45 Jahren, was ist das Geheimnis des langen Bestehens?

 

Brigitte Kasper: Das stetige Überdenken und zwar jeden Tag. Nie in den Alltagstrott zu kommen, sich nie auszuruhen, sondern immer genau zu gucken, was läuft gut, wie ist das Wetter heute, was für Kunden sind im Laden, was habe ich für ein Sortiment, was habe ich als Auswahlsortiment. Wenn im Mai 10 Grad draußen sind, dann holen wir die Wintersachen aus dem Keller und dann kommen die wieder in den Verkauf und die Sommersachen kommen weg. Wir reagieren also täglich auf das, was gerade passiert. Wir haben auch Blogger-Flohmärkte gemacht und dadurch auch viele neue junge Kunden bekommen, die den Laden vorher gar nicht kannten oder sich nicht rein getraut hatten, weil alles so teuer aussah und plötzlich merkten, huch das stimmt ja überhaupt nicht. Außerdem haben wir sehr gute Mitarbeiter mit einem großen Know-how, ohne die wir nicht so erfolgreich wären.

 

Silke Griebel: Unsere Stammkunden und -lieferanten tragen unser Bestehen auf jeden Fall mit. Das macht uns auch super stolz. Die sozialen Netzwerke machen natürlich auch viel aus und es ist wichtig, sich Neuem gegenüber nicht zu verschließen, aber auch die Tradition beizubehalten.

 

 

Wie würdet ihr den Modewandel der letzten Jahrzehnte beschreiben und gibt es feste Konstanten, die nie wegzudenken sind?

 

Brigitte Kasper: Die Mode hat sich sehr gewandelt und ist auch sehr stressreich geworden. Viele Firmen und Boutiquen klagen, dass durch die Menge an Kollektionen nichts mehr so richtig ankommen kann, ein schneller Wechsel, bei dem man kaum hinterherkommt. Früher war es so, dass man auf eine Kollektion gewartet hat und sie viel länger genießen konnte. Alles ist so schnelllebig, dass man die kunstvoll gefertigten Stücke  gar nicht mehr wertschätzen kann. Das finde ich ein bisschen schade. Mit fehlt die bunte Mischung, die es früher in der Innenstadt gab. Da gab es zum Beispiel einen ganz bezaubernden Laden „Hoffmann“, das war eine Institution und eines der wenigen Geschäfte, das wirklich noch Haute Couture geführt hat. Sie hatten Unterwäsche, die von Nonnen in Italien per Hand genäht wurde. Dort gab es wirklich unglaubliche Stücke zu kaufen.

 

Hermès ist das traditionsreichste und am längsten bestehende Unternehmen überhaupt. Eine Hermès-Tasche oder -Tuch ist immer ein Kunstwerk. Es ist einfach kein Wegwerf- oder Gebrauchsartikel, sondern es hat eine Tradition, wie eine Uhr, die von dem Großvater an den Enkel weitervererbt wird, und hat damit auch eine Nachhaltigkeit.

 

Silke Griebel: Hermès ist einfach gar nicht vom Markt wegzudenken, es gibt auch andere Label, die nicht wegzudenken sind oder ihr Revival haben, sei es Gucci, das in den 60er-, 70er-Jahren total hip war und jetzt wieder ganz oben steht. Es gibt Label, die man Vintage-Label nennen kann und die auch bleiben, wodurch auch das Handwerk bestehen bleibt. Und das ist unglaublich wichtig. Klar kann man ein T-Shirt bei Hennes und Mauritz kaufen, auch das ist gut, aber das wird nicht bleiben oder weitervererbt werden. Es ist wichtig, eine Begehrlichkeit bei den Menschen zu wecken und das, was dahinter steht, auch zu vermitteln und nicht die Masse, sondern auch die Einzelteile zu sehen.

 

 

Was macht Mode für euch besonders?

 

Brigitte Kasper: Die Überraschungen in der Mode sind toll. Da denkt man, man hat ein ganz normales Hemd vor sich und dann entdeckt man plötzlich einen ganz raffinierten Schnitt – das macht einfach Spaß. Für mich ist Mode wie ein Häuschen, indem man sich bewegt. Sie spiegelt die Seele wieder und wie sich der Mensch gerade fühlt. Manchmal dient die Mode auch dazu, den Spiegel der Seele zu überdecken, aber auch das merkt man. In der Mode drückt ein Mensch sich nach außen hin aus. Das, was man direkt am Körper trägt, ist das Nächste, was man von sich geben kann und das ist auch etwas ganz Intimes und Vertrauliches.

 

Silke Griebel: Ich bin selbst kein Modemensch. Ich ziehe ein T-Shirt und eine Jeans an, denn wir arbeiten hier und präsentieren die Mode ja nicht an uns. Aber was ich an Mode einfach sensationell finde, ist, dass man einen Typ unterstreichen kann und dass Mode Menschen wie ein Kunstwerk formen kann. Ich liebe es, wenn Frauen wissen, wie sie sich anziehen und genau ihren Stil gefunden haben und den auch zelebrieren. Ich fotografiere sehr gerne und da bin ich eigentlich schon mit der Kamera in der Hand, wenn ich jemanden sehe, der wie aus einem Guss ist. Mode kann eben toll unterstreichen und ich finde, sie sollte auch so ernst genommen werden wie Kunst. Ich könnte stundenlang Modezeitschriften durchblättern und würde immer wieder etwas finden, was mich fasziniert, obwohl ich persönlich mit Mode nicht so viel am Hut habe.

 

 

Was sind eure Lieblingsdesigner?

 

Brigitte Kasper: Ich liebe Vintage Yves Saint Laurent. Das finde ich von den Farben und von den Mustern, mit das Schönste, was ich je in der Mode gesehen habe. Die Abraham-Seidenstoffe haben einfach die schönsten und farbenprächtigsten Prints. Das ist in meinen Augen wirklich Kunst. Es macht einfach glücklich, diese Farbenpracht anzuschauen.

 

Dass ein gutes Handwerk dahinter steckt, finde ich auch ganz wichtig. Für mich ist ganz wesentlich, dass die Kleidungsstücke unter Arbeitsbedingungen hergestellt werden, die menschlich sind, sprich keine Kinderarbeit usw. Da achte ich sehr drauf. Ich würde kein Kleidungsstück anziehen, das in Bangladesch oder Indien produziert wurde. Bei der Vintage-Mode merkt man, dass ganz viel aus Handarbeit entstanden ist und oftmals noch mit Naturfarben gefärbt wurde. Da gab es noch nicht diese giftigen Appreturen in den Stoffen wie heutzutage.

 

Silke Griebel: Mein Lieblingsdesigner ist nach wie vor Paul Smith. Ich glaube das wird sich in diesem Leben auch nicht mehr ändern. Der passt sich nicht an, hat einfach seinen eigenen Stil und immer so einen kleinen Twinkle mit drin. So hat zum Beispiel bei ihm ein weißes Hemd noch mal einen kleinen bunten Knopf oder etwas ähnliches. Ich mag einfach den Mann und die Art und Weise, wie er seine Mode präsentiert.

 

 

Welche Zukunftspläne habt ihr für „Secondella“?

 

Silke Griebel: Nach vorne gucken, am Ball zu bleiben, die Internetplattform, Soziale Netzwerke ausbauen, trotzdem den Standort stärken, die Tradition wahren und auch mit der Zeit gehen. Zu schauen, wo geht es hin, der vergangenen Zeit nicht hinterherlaufen.

 

Brigitte Kasper: Was uns auch lange noch am Herzen liegt, ist noch einen besseren, separateren Bereich für den Luxus zu schaffen, damit er nicht so im Allgemeinen präsentiert wird. Der Luxus braucht sehr viel Ruhe und Zeit. Man kann eine Hermès Tasche nicht mal ebenso schnell kontrollieren und in die Warenwirtschaft eingeben. Die Luxussachen brauchen mehr Zeit und einen schönen Platz. Das wäre mein Wunsch für die Zukunft. Ich würde auch gerne mehr Ausstellungen machen und eine Kooperation mit dem Modemuseum in Paris wäre toll, oder auch mit dem Museum für Kunst & Gewerbe in Hamburg.

 

 

Alle Infos zu Secondella bekommt Ihr unter: secondella.de

 Hier findet Ihr Secondella bei Facebook und bei Instagram

 

 

 

Fotos: Andreas Luehmann (2), Secondella (4)