Sarajane

Treibstoff für die Seele: Die Hamburger Sängerin Sarajane hat mit „Fuel“ ihr zweites Album veröffentlicht. Mit ihrer Mischung aus R’n’B, Popund Soul präsentiert die 34-Jährige einen Soundtrack der mit Tiefgang und Tanzbarkeit überzeugt. Wir sprechen mit ihr über persönliche und musikalische Antriebskräfte und lassen uns verraten, warum Männer und Frauen gerade jetzt mehr miteinander reden sollten…

 

Vor kurzem ist dein neues Album „Fuel“ erschienen. Welche Bedeutung versteckt sich hinter der Wahl deines Album-Titels? 

Als die Entscheidung fiel, ein neues Album zu machen, wusste ich, es muss motivierend sein positiv, Menschen in Bewegung versetzen. Kurz, Treibstoff - Fuel. Es war erst der Arbeitstitel, ich dachte erst, ich brauche einen längeren Albumtitel, aber als die ersten Songs fertig waren, war klar, Fuel passt perfekt. 

 

Du bist in einer britisch-deutschen Patchwork-Familie in der Nähe von Wolfsburg aufgewachsen, hast eine Waldorfschule besucht und warst damit ziemlich anders als der typische Dorf-Bewohner der 90er Jahre. Gerade als Kind ist Anderssein nicht immer einfach. Was war dein persönlicher Treibstoff, aus dem du Kraft geschöpft hast?   

Anderssein war super anstrengend. Aber wir hatten einen großen Garten und viele Tiere, es gab super viel zu tun und ich wurde viel mit eigespannt. Lange Zeit wollte ich Veterinärmedizinerin werden. Ich hatte eine beste Freundin, mit ihr habe ich ganze Sommer auf den Feldern und im Wald verbracht, Hundeturniere veranstaltet und so. Als mein Vater starb, hab ich die Musik als Kraftquelle gefunden. Ich bin jeden Tag nach der Schule in meinem Zimmer verschwunden und hab meinen  Schmerz weggesungen. Musik ist auch heute noch mein Anker. Bestimmte Songs schaffen es mir immer wieder aufzuhelfen. 

 

Dein Song „Diamonds & Pearls“ handelt davon, sich nicht kleinkriegen zu lassen. Als Frau wird man durch Alltagssexismus und Gender Pay Gap immer wieder mit Schwierigkeiten konfrontiert. Was würdest du Frauen, aber auch Männern zu diesem Thema gerne mit auf den Weg geben?

Vernetzt euch! Sprecht Dinge an. Vor allem über Geschlechtergrenzen hinweg. Nicht jeder Mann, der besser bezahlt ist für die gleiche Arbeit, ist sich das bewusst, gerade wenn man in einem Team arbeitet. Wenn man über Dinge wie Bezahlung spricht, merkt man schnell, ob es Missstände gibt, und kann anfangen sie auszugleichen. Ich merke, dass wenn ich unterschätzt werde, empfinde ich das als Challenge. Ich wachse eher daran. Aber entspannter wäre das Leben natürlich, wenn Frau sich nicht so oft beweisen müsste. Und Alltagssexismus, puh das ist ein so großes Thema, ich kann nur sagen, wenn jemand in deinen persönlichen Space kommt, den nur du definierst, dann sag es. Gerade wenn es jemand ist, mit dem man ständig zu tun hat. Diese Muster sind oft so eingefahren, die Grenzüberschreitung für das Gegenüber normaler Umgang. Da haben viele einfach über Jahrzehnte die Klappe gehalten und es still erduldet. Es wird sich nur ändern, wenn man es anspricht. Direkt. Man kann es darauf herunterbrechen: Sprechen hilft. 

 


 

Welche Künstlerinnen und Künstler haben dich auf deinem neuen Album beeinflusst und inspiriert? 

Oh das ist eine schwierige Frage. Ich kann eher sagen, welche Künstlerinnen mich grundsätzlich beeinflusst haben in den letzten Jahren. Sicher ist einiges ihrer Power in meine Songs geflossen. Zuerst: Beyoncé. Ich finde so spannend, wie sie sich entwickelt hat, von den braven Destiny’s Child Zeiten hin zu der Superpowerfrau, die sie heute ist. Da inspiriert mich auch der Businessaspekt sehr. Musikerinnen, wie Janelle Monae, die auch viel mit Prinz gearbeitet hat, höre ich immer wieder so gerne. Sie hat den nötigen Freak Anteil. Inspirierend ist auch Jessie J, die endlich mal wieder Adlibs zurückgebracht hat in die Popmusik. Ich hab in den letzten zwei Jahren auch wieder alte Missy Elliot Alben aus dem Schrank geholt und India Arie, Songs die ich gehört hab, als der Entschluss fiel, Musik zu machen. Ich wollte mich wieder darauf besinnen, weshalb ich das alles mache, die Intention diesen Weg überhaupt einzuschlagen. Um ein Album zu schaffen, was pur ist und klar. 

 

Wie sieht dein Schaffensprozess aus, bis aus einer Idee ein fertiger Song entsteht?

Songs entstehen bei mir ganz unterschiedlich. Auf dem Album sind Songs, die am Klavier entstanden sind, wie „Guess Who’s Back“ , den Titel für den Song hatte ich vor fünf Jahren schon auf eine Seite in meinem Songwriting Buch geschrieben. Aber ich fand keine Worte dafür. Als dann im Album Prozess die Musik dazu kam, war auf einmal alles klar und der Text ergab sich. Dann gibt es Songs, wo der Beat zuerst steht, wie bei „The Boss“ da hab ich auf dem Beat gefreestylt und so ist der Text entstanden. Manchmal hab ich auch erst eine Melodie und Worte und der Rest ergibt sich. Eine Melodie kam mir beim Yoga. Ich hab die ganze Zeit an nichts anderes denken können und bin nach der Stunde sofort raus und hab es in mein Handy gesungen. Kaleidoskope hingegen ist im Auto entstanden, wir standen im Stau und mein Gitarrist spielte auf einer Ukulele und ich sang dazu. Später haben wir dann den Song daraus gemacht. 

 

„Bullets out of Love“ ist während des G20 Gipfels in Hamburg entstanden. Welche Botschaft versteckt sich hinter diesem Track?

Mach dein Herz auf. Hassen kann man aus der Ferne gut. Wenn man Menschen und Geschichten kennenlernt, versteht man Beweggründe und kann emphatisch sein. Ich vermisse das gerade. Jeder steckt in seiner Bubble und wir umgeben uns immer mehr mit Menschen, die unsere Meinung und Weltsicht teilen, und verlernen den Austausch, die Debatte. Der Hass und die Verunsicherung wächst. Viele fühlen sich benachteiligt und suchen Schuldige. Wobei wir uns alle doch nur wünschen, gesehen und geliebt zu werden. Ich war einfach so sauer über die Gewalt, die von den verschiedenen Seiten auf die Stadt einfiel, und wünsche mir damit eine Bewegung zu gründen. Die Neon-Armee, die durch die Straßen zieht und Liebe sät. So wie die Hamburger nach G20 gemeinsam aufgeräumt haben. Nur eben jeden Tag. Im kleinen. Bis sich niemand mehr entziehen kann. 

 

 

Deine Songs vereinen Tanzbarkeit mit inhaltlichem Tiefgang. Welche Möglichkeiten hat Popmusik, wenn es um politische Messages geht?

Vielen Dank, das klingt sehr schön!  Musik hat eine große Macht. Ich muss immer daran denken, wenn man bei großen Konzerten ist und mehrere 1000 Menschen versammelt sind: Alle hier haben eine gemeinsame Leidenschaft. Wenn man die bündeln würde, was viele ja tun, in Form von Benefiz Events, Festivals und Co. kann man so viel Gutes tun. Da viele Menschen heute ihren Lieblingsmusikern auf Instagram und Co. folgen, ist auch immer wichtiger, wie Künstler privat ticken. Die Mystifizierung leidet darunter natürlich sehr, aber so kann ein Dialog entstehen. Und das ist es, was Musik kann, bewegen und Menschen zusammen bringen. Sie kann den Zeitgeist auf den Punkt bringen. Auch Sachen aussprechen und überzeichnen. Hach ich könnte noch soooo viel mehr dazu sagen. Musik ist so wichtig. Stellt euch mal einen Tag vor ohne Popmusik. Die Radios sind stumm, YouTube ist aus. Spotify down. Alle stehen auf, es ist leise, fahren zur Arbeit, ich glaube das wäre sehr schwer, sich für irgendetwas zu motivieren, ohne Popmusik. 

 

Wenn du nicht gerade Musik machst, was ist dein absoluter Lieblingsort in Hamburg? 

Ich liebe es an der Elbe zu sein, Wasser hat eine sehr beruhigende Wirkung auf mich. Das ist wie Meditation. Und egal wo man steht ob in der Hafencity, an den Landungsbrücken oder am Elbecamp sie ist einfach wunderschön. 

 

Welche drei Dinge würdest in der Welt verändern, wenn du unbegrenzte Möglichkeiten hättest? 

Ich würde Bildung für alle zugänglich machen und Schulfächer wie die Psyche des Menschen und Bewusstseinslehre (sich seiner Gedanken bewusst sein und lernen sie zu ordnen,  zu lenken) und Ernährungskunde auf den Stundenplan setzen. 

Dann hätten wir in 12 Jahren eine Gesellschaft, die versteht, wie man positive Gedanken haben kann, das Gedanken frei sind, was gute Nahrung für Menschen ist und ggf. wie man sie anbaut und zubereitet und warum manche Situationen so emotional und komplex sind, aber das nicht unbedingt die Kinder daran Schuld sind. So hätten wir eine neue Arbeitswelt und mehr Gesundheit und gegenseitigen Respekt. Damit könnte man schon sehr viel erreichen denke ich. 

Als zweites würde ich das bedingungslose Grundeinkommen einführen und als drittes dafür sorgen, das alle Menschen weltweit Zugang zu sauberem Trinkwasser haben (kostenfrei), weil es ein Menschenrecht ist. 

 

Was steht bei dir als nächstes an und wann dürfen wir dich in Hamburg live erleben?

Wir sind am 29.06. in der Sendung Inas Nacht in der Ard zu Gast das ist total aufregend! Anschließend bereiten uns auf die Tour im Herbst vor. Live zu spielen ist das schönste, man fühlt eine direkte Reaktion und geht mit vollem Herzen nach Hause, das ist wundervoll. Wir spielen am 20.11. im Knust, Hamburg sehen wir uns dort? Und im Anschluss, Welttouree! So ist zumindest mein Wunsch!

 

 

Weitere Infos zu Sarajane findet Ihr unter: www.sarajane.eu

Hier finder Ihr Sarajane bei Facebook und bei Instagram

  

 

 

Fotos: Annemone Taake