Julia Kaufhold

Hansestadt Ahoi! In Julia Kaufholds neuem Roman „All die schönen Tage“ spielt Hamburg eine ganz besondere Rolle. Im Interview sprechen wir mit der Autorin (42) über den langen Weg bis zum eigenen Buch, darüber, warum gerade vermeintliche Schwächen stark machen können, und lassen uns verraten, welcher Hamburg-Hotspot für Literatur-Fans zum absoluten Geheimtipp wird…

 

 

Bevor du 2012 deinen ersten Roman veröffentlicht hast, warst du als Verlegerin tätig und hast Reiseführer über Südengland geschrieben. Wie kamst du zu dem Entschluss, Romane zu schreiben? 

Ich habe es neulich nachgelesen: In meinem Achtzigerjahre-Tagebuch steht blau auf weiß, dass ich Schriftstellerin werden möchte. Ich glaube, dass alles, was ich beruflich gemacht habe, ein Umkreisen meines eigentlichen Wunsches war, Romane zu schreiben – meine Ausbildung zur Verlagskauffrau, dass ich Germanistik studiert, Reiseführer geschrieben und einen Verlag gegründet habe und dass ich die Manuskripte anderer Autor/innen lektoriert habe. All das diente wahrscheinlich nur dazu, Mut zu sammeln und mich dem Schreiben (und mir selbst) näherzubringen. 

 

Deine Bücher rücken starke Frauen in den Mittelpunkt der Erzählung. Welches Gefühl möchtest du dabei deinen Lesern und vor allem Leserinnen mit auf den Weg geben? 

Ja, die Frauen in meinen Romanen sind stark, aber sie haben immer auch eine schwache, bedürftige Seite. Stella zum Beispiel, die Heldin meines gerade erschienenen Romans „All die schönen Tage“, behauptet sich als Unfallchirurgin in einer Männerdomäne; sie lebt ein Lebensmodell, das ihr wenig Luft lässt, aber Sicherheit vermittelt – sie kann nur schwer loslassen. Ich möchte zeigen, dass sich solche Ängste nur auf Kosten von Lebensenergie ignorieren oder von der eigenen Persönlichkeit abspalten lassen. Das kenne ich selbst leider auch, und ich möchte die Leserinnen ermutigen, hinzusehen und das vermeintlich Schwache anzunehmen. 

 

Auch Hamburg spielt eine wiederkehrende Rolle in deinen Romanen und ist vor allem in deinem aktuellen Buch „All die schönen Tage“ Hauptschauplatz. Was fasziniert dich besonders an der Hansestadt?

Als ich vor zwanzig Jahren das erste Mal für ein Praktikum hierherkam, hatte ich ein sofortiges Gefühl von Ankommen, ein Heimatgefühl, das ich so bis dahin vielleicht noch gar nicht kannte. Das ist es wohl, was mich an Hamburg fasziniert, und es lässt sich für mich am ehesten am Hafen festmachen. Dieser Ort, von dem aus Menschen schon seit vielen, vielen Jahren in die Welt aufbrechen, verleiht mir ein angenehmes Kribbeln, ein Gefühl von Bewegung, auch wenn ich selbst ganz ruhig an Land sitze und den Schiffen hinterherschaue. Und natürlich liebe ich die vielen schönen Viertel mit ihren netten Cafés, die bodenständigen und zugleich visionären Menschen, die Möwen, die hier kreischen wie am Meer. Ach, ich mag Hamburg einfach sehr.

 


 

In „All die schönen Tage“ besitzt Protagonistin Stella eine Box, in der sie all die schönen Erinnerungen an ihre große Liebe Max sammelt. Welchen ganz persönlichen Hamburg-Moment würde man in deiner „Schöne-Tage-Box“ finden?

Am Elbstrand, gleich neben der Strandperle und dem Ahoi, findet jeden Sommer zweimal die überaus entspannte Lesereihe „Dichter an der Elbe“ statt. Da lesen vier Autor/innen jeweils eine Viertelstunde unter freiem Himmel, die nackten Füße im Sand, begleitet vom Tuten der Schiffe. Ich war als Zuschauerin da mit meinem Mann und meinem Sohn, einer Picknickdecke und einem kühlen Getränk. Da kam alles zusammen, was mich glücklich macht: meine Liebe zu Hamburg, zur Literatur, ein lauer Sommerabend mit meinem Liebsten, ein zufrieden im Sand buddelndes Kind. Einfach wunderbar!

 

Welche Fähigkeiten sollte man mitbringen, um Autorin zu werden?

 Durchhaltevermögen vielleicht an erster Stelle, Disziplin, Sitzfleisch, Konzentration – das waren früher nicht gerade meine Stärken. Außerdem: die Fähigkeit zur Selbstkritik und die unbedingte Offenheit gegenüber konstruktiver Kritik. Netzwerken ist wichtig, online und offline. Gleichzeitig, und das ist bei alldem vielleicht sogar das Schwierigste: der eigenen Stimme und Intuition immer wieder Raum geben und lauschen. 

 

Neben dem Schreiben hast du auch als Lektorin schon einige Manuskripte in den Händen gehalten. Welche Tipps hast du an angehende Autorinnen, die auf der Suche nach einem Verlag sind? 

Der wichtigste Tipp ist vielleicht, dass man als angehende Autorin nicht einfach an einen Verlag herantreten und ihm sein Manuskript zuschicken sollte. Dann landet es nämlich auf dem Stapel unverlangt eingesandter Manuskripte, und auf diesem Stapel zu liegen, birgt wenig Erfolg auf eine Veröffentlichung. Der professionellere und mittlerweile gängige Weg ist es, sich eine Agentur zu suchen, die bei Verlagen einen guten Ruf genießt. Manuskripte, die über diese Agentur beim Verlag eintreffen, werden sofort gelesen. Da Agenturen verkaufen wollen, nehmen sie nur Titel in ihr Portfolio auf, bei denen sie sich sicher sind, dass sie sie auch loswerden. Deshalb lautet mein zweiter Tipp: dem eigenen Schreiben gegenüber kritisch zu bleiben und nicht zu früh an eine Agentur heranzutreten. Der Buchmarkt ist leider ein Markt wie jeder andere auch mit seinen ganz eigenen Gesetzen, die man kennen muss, bevor man diesen Markt betritt. Eine gute Quelle ist da Sandra Uschtrins „Handbuch für Autorinnen und Autoren“. Darin wird der Literaturbetrieb von allen Seiten beleuchtet, es gibt Agenturadressen und -profile und nicht zuletzt eine Übersicht über Fortbildungen und Schreibcoaches. Das alles klingt furchtbar unromantisch und aufwändig, aber es nimmt den Beruf der Autorin auch ernst. Mein letzter Tipp lautet, aller Widrigkeiten zum Trotz: Dranbleiben und den Glauben an sich selbst nie verlieren!

 

 

Woher nimmst du die Inspiration für deine Geschichten?

Meistens entstehen Geschichten bei mir aus meinen Beziehungen zu anderen Menschen heraus. Ich finde solche Dynamiken hochspannend – von da aus denke und spinne ich weiter. Dabei fließen Facetten der Menschen, die ich kenne, von denen ich gehört oder über die ich gelesen habe, in wilder Mischung ein. Da möchte ich mich selbst ganz und gar nicht ausnehmen. Das ist für mich das Schöne am Schreiben: dass ich die Menschen, denen ich begegne, und mich selbst in meinen Figuren mixen kann und etwas Neues daraus entsteht. Ja, und die zweite große Inspiration ziehe ich aus Orten, die mich in der Tiefe berühren und irgendwie nicht mehr loslassen.

 

Auf welche Schwierigkeiten bist du beim Schreiben deiner Romane gestoßen und wer hat dich bei deiner Arbeit besonders unterstützt?

Ich bin generell jemand, der gerne vorprescht, einfach macht, also am liebsten drauflos schreibt. Das führt allerdings dazu, dass ich immer wieder Dinge verwerfen und neu schreiben muss, weil die Geschichte vorne und hinten nicht passt. Deshalb plane ich mittlerweile sehr genau und durchdenke jede einzelne Szene im Vorfeld – was mir überhaupt nicht leicht fällt. Zum Glück habe ich eine wunderbare Textgruppe mit zwei versierten Autorenkolleginnen, die vom ersten Moment an in die Plot- und Figurenplanung meiner Romane eingebunden sind. Dieser Austausch ist mir lieb und teuer. Meine Freundinnen, meine Mutter und meine Schwester sind meine „typischen Leserinnen“. Damit sie vollkommen unvoreingenommen lesen können, erzähle ich ihnen möglichst wenig während der Entstehung eines Romans. Mein Mann, der selbst jahrelang als Lektor gearbeitet hat, ist von Anfang an dabei und hat Gott sei Dank Verständnis für all die Schleifen, die ich drehe.

 

Was steht in Zukunft bei dir an? Dürfen wir uns schon bald über einen neuen Julia Kaufhold-Roman freuen? 

Gerade schreibe ich an meinem vierten Roman, einer Mutter-Tochter-Geschichte, die auch eine große Liebesgeschichte beinhaltet. Das Ganze wird wie "All die schönen Tage" auf zwei Zeitebenen erzählt. Die Vergangenheit spielt in einer Trödlerkommune, die Gegenwart in meinem Sehnsuchtsort St. Ives in Südengland. Endlich, endlich kann ich zusammen mit meinen Figuren dorthin reisen! 

 

 

Weitere Infos zu Julia findet Ihr unter: www.juliakaufhold.de

 

 

 

 

Fotos: Julia Schwendner und Emmi Besse