Enja Jans

Wer kennt es nicht, das Gefühl beim Stöbern in der Buchhandlung ganz in die zauberhafte Welt der Buchrücken und Klappentexte einzutauchen. Mit ihrem Büchermagazin “MOKA” hat Fachbuchhändlerin und Verlegerin Enja Jans dieses Gefühl transportfähig gemacht. Im Interview erzählt uns die 55-jährige Wahlhamburgerin, wie sie ihre Buch-Auswahl kuratiert, welche Romane jetzt mit in den Urlaub müssen und an welchem Ort in Hamburg wir es uns mit unserer Lieblingslektüre gemütlich machen können…

 

Mit deinem Büchermagazin “MOKA” hast du eine „kleine Buchhandlung für die Tasche“ erschaffen. Wie kamst du auf die Idee?

Eigentlich bin ich Fachbuchhändlerin für Architektur und habe mich 2002 mit einem Büchermagazin für Architektur, Kunst und Fotografie selbständig gemacht. Von der Buchhändlerin zur Verlegerin in Nullkommanichts – eine riesige Portion Naivität und das Vertrauen in meine Begeisterung waren mein Startkapital. Zwölf Jahre später habe ich das Konzept erweitert und "MOKA" gegründet: Dreimal im Jahr erscheint "MOKA" ganz analog mit mehr als 100 Neuerscheinungen, Reise-Tipps, Autoren-Interviews und Blogger-Porträts und ist für alle, die es lieben, in Geschichten einzutauchen, gesund leben, Freude am Kochen haben, gerne reisen, ihren Kindern abends etwas vorlesen möchten und immer auf der Suche sind nach wertvollen Impulsen für den Alltag und Inspiration für die kleinen Auszeiten zwischendurch. Nach wie vor geht es um Themen, die begeistern, zum Nachdenken anregen und vielleicht zu einer neuen Lebenshaltung inspirieren. Eine Leserin schrieb einmal „So viele Schätze, die mir trotz der Lektüre von vielen, vielen Büchermagazinen entgangen sind. Ihr habt mit 'MOKA' eine außergewöhnliche Auswahl zu bieten!” 

 

Erinnerst du dich an das erste Buch, das dich als Kind für Literatur begeistert hat?

Ganz klar! Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer, Der kleine Wassermann und die Kleine Hexe und natürlich Pippi Langstrumpf. Die Geschichten haben mich fasziniert und mir andere Welten eröffnet – ein großartiges Gefühl, ganz in einem Buch zu verschwinden. Manchmal gelingt mir das noch heute.

 

Welches Buch liegt aktuell neben deinem Bett? 
Ein ganzer Stapel, ich lese am liebsten mehrere Bücher parallel, je nach Stimmung und Müdigkeitsgrad. Erling Kagges, „Stille” liegt dort immer und nehme ich regelmäßig zur Hand, in „Die Launen der Liebe“ von Markus Gasser lese ich über unbekannte Liebesabenteuer weltberühmter Autoren und ihre Verwandlung in Literatur. In Meike Winnemuths „Bin im Garten” schaue ich der Autorin mal wieder bei einem spannenden und inspirierenden Lebens-Experiment über die Schulter und bei „Max, Mischa und die Tet-Offensive” von Johan Harstad bin ich gerade auf den ersten 50 Seiten ... von 1.240 ;) 

 


 

Wie sieht dein Auswahl- und Arbeitsprozess aus, mit dem du entscheidest, welche Neuerscheinungen es ins Magazin schaffen?

Zweimal im Jahr gehe ich die Vorschauen der Verlage durch und suche mir die interessantesten Titel aus. Auf der Leipziger Buchmesse im März und auf der Frankfurter Buchmesse im Oktober spreche ich mit Verlegern und Mitarbeitern über das neue Programm und mit Buch-Bloggern über ihre Lieblingsbücher und -themen. Dann wird mit dem Team die Inhalte für alle drei Ausgaben des Jahres besprochen, die Bücher den Rubriken zugeordnet und Autoren für Interviews angefragt. Und so nimmt "MOKA" dann nach und nach Gestalt an...

 

Worin liegt die Kraft einer guten Lektüre? 
Wenn sie mich mitnimmt und ich weder das Bedürfnis habe, zu essen, aufzustehen oder aufs Handy zu gucken. Und wenn ich noch Stunden oder Tage später über einzelne Sätze nachdenke und sie mir wieder in den Sinn kommen und auf jeden Fall, wenn ich mir wünsche, ich würde mit einem Stift Sätze unterstreichen wollen – aber das bringe ich nicht übers Herz, ich mache ja auch keine Eselsohren in die Seiten...

 

Gab es einen Autor, oder eine Autorin, deren Werk dich in einem bestimmten Lebensabschnitt besonders geprägt hat? 
Ich fürchte, dafür reicht der Platz (auch online) nicht –  in Büchern gerechnet, teilt sich mein Leben in eine ganze Menge Abschnitte. Und wo fange ich an? In der Schule war ich vielleicht eine von den wenigen, der dank eines wunderbaren Deutschlehrers die Liebe zur Literatur nicht abgewöhnt wurde. Durch Hermann Hesse, Berthold Brecht, Heinrich Böll und Max Frisch erschloss sich für mich eine Welt, die jede für sich sprachgewaltig und berührend war. Dann, ganz wichtig, J. D. Salinger, Paul Auster, Sylvia Plath, Cees Nooteboom, Bruce Chatwin und Haruki Murakami. Sie alle schärften meinen Sinn für Sprache und machten Lust auf mehr. Dann traten Judith Hermann, Anne von Canal, Daniela Krien, Connie Palmen, Stevan Paul, Jeffrey Eugenides, Deborah Feldman, Lily Brett und Bodo Kirchhoff in mein Leben und es wurde reicher und reicher...

 


 

Dein liebster Ort in Hamburg, um es sich mit einem guten Buch, dem Lieblingsmagazin, oder dem neuesten Blogeintrag gemütlich zu machen? 

Im Café Leonar im Grindelhof oder in der Strandperle an der Elbe. Ich lese und arbeite am liebsten in einer trubeligen Umgebung und immer bei einem guten Kaffee.

 

Dem Buch als analogem Werk, wird ja in unserem digitalen Zeitalter in regelmäßigen Abständen der Untergang vorhergesagt. Bis jetzt sieht es glücklicherweise noch nicht danach aus. Was glaubst du: spielt sich unsere Leselust irgendwann nur noch auf Smartphone und Tablet ab?
Wenn mich Freunde fragen, warum ich noch daran glaube, dass es gedruckte Bücher geben muss, frage ich sie, ob ein Text auf einem digitalen Medium schon einmal ihr Leben verändert hätte. Nur Buchhandlungen, nicht der App Store, sind ein Ort für Geschichten und können unsere Leselust befriedigen, unseren Wunsch nach Büchern, die von Welten hinter dem eigenen Horizont erzählen und den Wunsch wecken, mehr zu sehen, mehr zu fühlen, mehr zu (er)leben. Ich bin in einer Zeit ohne das Internet aufgewachsen und schätze die Vernetzung zwischen der analogen und digitalen Welt sehr. Ich sehe die Möglichkeiten, die darin liegen, dass unterschiedliche Medien sich ergänzen und nicht ausschließen. Aber Seiten umzublättern und nicht zu wischen und es - fertig gelesen - ins Bücherregal zu stellen und nicht in einen Ordner zu verschieben, das ist ein unschlagbar schönes Gefühl!

 

Deine drei Buchtipps für lange Sonnenstunden an der französischen Riviera oder dem heimischen Balkon? 

Drei? Ich habe gleich ein paar mehr ...Damit alle etwas davon haben, die miteinander verreisen – also Mann und Frau, Frau und Frau oder Mann und Mann – lassen sich diese Bücher gut untereinander tauschen. Ferdinand von Schirach „Kaffee und Zigaretten”, Daniel Kehlmann „Tyll”, Kristine Bilkau „Eine Liebe in Gedanken” und die Oxen-Trilogie von Jens Henrik Jensen, Juli Zeh „Unter Leuten”– und dazu noch 100 Gedichte von Rainer Maria Rilke zum gegenseitigen Vorlesen, dann ist der Lese-Sommer für alle Beteiligten gerettet. 

 

 

 

Weitere Infos zu "MOKA" findet Ihr unter: www.moka-publishing.com

Hier finder Ihr "MOKA" bei Facebook und bei Instagram

  

 

 

Fotos: JANA WEBER PHO TOGRAPHY