Chris Campe

A, B oder C? Bei Chris Campe dreht sich alles rund ums Alphabet. Die Hamburgerin gestaltet nämlich mit ihrem Designbüro "All Things Letters" wirklich ALLES mit Buchstaben – ganz egal ob Bücher, Logos, Illustrationen, Websites, Wände, Räume oder ganze Schaufenster. Nebenbei weiht sie uns mit ihren Büchern und Workshops in die Kunst des Handletterings ein. Hier verrät die 38-Jährige, wie Texte zu Bildern werden und wo wir die schönsten Schriftzüge in Hamburg finden …

 

Mit deinem Designbüro "All Things Letters" hast du dich auf die Gestaltung mit Text, Schrift und Typografie spezialisiert. Wie bist du zu diesem besonderen Beruf gekommen?

Ich konnte mich nicht zwischen dem Schreiben und der Gestaltung entscheiden und habe zuerst in Hamburg Illustration studiert, dann in Chicago Kulturwissenschaften. Lettering ist für mich die Schnittstelle, also schreiben und gestalten gleichzeitig.

Nach dem Studium habe ich als Grafikerin und Illustratorin gearbeitet und irgendwann dachte ich: „Wenn ich es mir aussuchen könnte, würde ich nur noch Buchstaben zeichnen!“ Dann fiel mir ein, dass ich es mir ja tatsächlich aussuchen kann. Ich habe mir also „All Things Letters“ auf die Website geschrieben und seitdem lebe ich davon, alles mit Buchstaben zu gestalten. Weil ich vor meinem Studium eine Ausbildung zur Buchhändlerin gemacht und später einige Jahre als Grafikerin für Zeitschriften gearbeitet habe, sind meine Kunden heute vor allem Buch- und Zeitschriftenverlage.

 

Wie unterscheiden sich eigentlich Kalligrafie, Typografie und Lettering?

Lettering ist gezeichnete Schrift, die für einen ganz bestimmten Zweck passgenau gestaltet wird. Kalligrafie ist die Kunst des Schönschreibens: Die Buchstaben werden mit einem Schreibwerkzeug geschrieben, das ihre Form prägt. Kalligrafie ist gestischer als Lettering und lässt kaum Korrekturen zu. Typografie ist die Gestaltung mit bereits vorhandenen Satzschriften, und – um die Reihe zu vervollständigen – Schriftgestaltung ist das Design dieser Satzschriften.

 

Inwiefern ist Handlettering eine Art von Kommunikation?

Handlettering ist Schrift und Bild gleichzeitig. Das heißt, gezeichnete Schrift kommuniziert sowohl als Text, also auf der inhaltlichen Ebene, als auch als Bild auf der visuellen Ebene. Im Idealfall fügen die Form der Buchstaben und ihre Anordnung einem Text eine Bedeutung hinzu, die über seine wörtliche Aussage hinausgeht.

 

Du gestaltest unter anderem Buchcover. Wofür wendest Du Lettering noch an?

 Ich gestalte auch Innenillustrationen für Bücher, illustrierte Landkarten, Zeitschriftencover, Logos, Tafeln, Wände, Schaufenster. Lettering eignet sich immer dann besonders, wenn ein Text nicht nur einen Inhalt vermitteln, sondern auch bildhaft und dekorativ sein soll.

 

Handbuch Handlettering von Chris Kampe, Haupt Verlag

 

Dein neue „Handbuch Handlettering“ ist gerade erschienen. An wen richtet es sich?

Das „Handbuch Handlettering“ bietet einen fundierten Einstieg in das Thema Lettering.  Es lehrt, wie man Schrift frei variiert und als Ausdrucksmittel einsetzt. Das Buch richtet sich einerseits an Gestalter, die sich in das Spezialthema handgezeichnete Schrift einarbeiten wollen und andererseits an Lettering-begeisterte Laien, die schon etwas Übung haben, und nun nicht mehr nur Vorlagen abmalen, sondern wirklich verstehen wollen, wie Buchstaben funktionieren.

Das Handbuch unterscheidet sich von anderen Büchern zum Thema vor allem durch die umfangreichen Erläuterungen. Ein großes Kapitel erklärt die Grundlagen der Gestaltung mit Schrift, es zeigt aber nicht nur Bildbeispiele, sondern erklärt jeweils noch einmal in leicht zugänglichen Texten, was zu sehen ist und warum dies beim Lettering eine Rolle spielt.

 

Welche Kompetenzen außer dem Zeichnerischen erlernt man durch Handlettering?

Da man besonders Brushpen Lettering viel üben muss, schult Handlettering nicht nur Hand und Auge, sondern auch die Geduld. Je mehr man übt, umso besser wird außerdem das ästhetische Verständnis für Buchstabenformen, Proportionen und Kompositionen.

 

Kann man auf den ersten Blick einer Handschrift auf bestimmte Charakterzüge schließen?

Soweit ich weiß, ist es umstritten, ob man das kann oder nicht. Bei meinen Workshops mache ich zwar immer Witze, dass wir die Übungsblätter der Einzelnen am Ende einer graphologischen Analyse unterziehen, aber in Wirklichkeit habe ich davon keine Ahnung.

Das Gute am Handlettering ist, dass es mit Handschrift wenig zu tun hat, denn die Schrift wird sehr stilisiert geschrieben beziehungsweise gezeichnet. Man kann sich also auch dann beim Lettering hervortun, wenn man eine Sauklaue hat.

 

 

Hamburg Alphabet von Chris Kampe, Junius Verlag

 

Welches Werkzeug benötigt man für deinen Workshop?

Ich besorge das Material für die Teilnehmerinnen meiner Workshops vorab, sodass sich niemand damit mühen muss, erst mal einen bestimmten Stift zu besorgen.

Wir arbeiten mit einfachen Bleistiften und mit einem Pinselstift von Pentel. Dieser Stift ist anfangs etwas schwieriger zu handhaben als die Filzstifte mit flexibler Spitze, die viele Firmen im Moment für das Brushpen Lettering anbieten. Aber man kann damit eine große Bandbreite von Strichstärken zeichnen und sehr genau an den Formen der Buchstaben arbeiten. Außerdem ist die Spitze des Stifts aus synthetischen Pinselborsten, sie ist unverwüstlich und behält ihre Form.

Ihren Stift nehmen die Workshop-Teilnehmerinnen am Schluss mit nach Hause. So gibt es wirklich keine Ausrede dafür, nicht sofort weiter zu üben. Kontinuierliches Üben ist das A und O – wie in der Musik oder beim Sport.

 

Hast Du eine persönliche Lieblingsschriftart?

Ich mag die Schriften, die die Berliner Schriftgestalterin Ulrike Rausch unter dem Label „Liebe Fonts“ herausgibt. Sie digitalisiert Lettering und bereitet die handgeschriebenen Buchstaben so als Satzschriften auf, dass sie am Ende wirklich fast wie von Hand gezeichnet aussehen.

Der Trick ist, dass jeder Buchstabe mehrere Alternativformen hat, die die Schriftsoftware zufällig einsetzt. Dadurch gibt es – wie beim Lettering – nie zwei gleiche Formen in einem Wort, auch wenn ein Buchstabe darin mehrfach auftaucht. Das Zeichnen solcher Schriften dauert 2 Tage, das Programmieren der Schrift ein halbes Jahr. 

 

Wo findet man besonders schöne Letterings in Hamburg?

Wenn man die Augen offen, sieht man an manchen Ecken noch alte Neonschilder und Fassadenschriften. In weniger reichen Stadtteilen gibt es zum Teil mehr alte Schilder, weil dort nicht so viel modernisiert wurde.

Für mein Buch „Hamburg Alphabet“, das 2010 erschienen ist, bin ich ein halbes Jahr lang  mit dem Fahrrad durch die Stadt gefahren und habe über 1000 verschiedene Schilder fotografiert. Das Buch zeigt eine Auswahl der 220 bemerkenswertesten Beschriftungen, doch viele davon sind inzwischen verschwunden, weil die Geschäfte aufgeben wurden oder die Gebäude abgerissen. Je mehr Zeit vergeht, umso mehr wird das Buch also zum wertvollen Archiv.

 

 

 Alle Infos zu  "All Things Letters" bekommt Ihr unter: www.allthingsletters.com

 

Hier findet Ihr "All Things Letters" bei Facebook und bei Instagram

 

Portrait: Verena Brüning, Berlin (www.verenabruening.de)