MUSIK-TALK

mit Tina Dico

Tina Dico ist im Moment die wohl erfolgreichste Dänin in der Singer-Songwriter Szene. Die inzwischen dreifache Mutter ist seit über 20 Jahren dabei, erfolgreich Musik zu erschaffen und hat auf dem Weg dahin einiges erlebt. Letztes Jahr ist sie in der Elbphilharmonie aufgetreten und hat in den vergangenen Wochen ihr elftes Studioalbum veröffentlicht. Zum Anlass ihres neuen Albums haben wir mit der 40-Jährigen über ihr neues Werk, Inspiration und das Streben nach Glück gesprochen…

  

Dein elftes Album „Fastland“ ist vergangene Woche rausgekommen. Worüber handelt es und welche Themen behandelst du?

Verschiedene Themen und Aspekte! Die Main Single behandelt beispielsweise eine Verliebtheit, die so verrückt ist, dass man bereit ist, alles zu tun. Man vernachlässigt all seine Freunde und die Menschen, die man um sich hat, und liebt, nur um mit dieser einen bestimmten Person alleine zu sein. Die erste Single die herauskam, behandelt das Abwenden vom Materialismus. Man kommt weg von dem Verlangen nach teuren Marken, Glitzer und Gold. Durch all diese Dinge fühlen wir uns zwar sicher, sie sind aber nur ein Ersatz, um ein Loch in uns zu füllen, welches wir eigentlich mit unseren Liebsten, menschlicher Gemeinschaft und der Natur füllen sollten. 

 

Das ist auch in dem Song „Fancy“ so, oder?

Ja, das ist „Fancy“. Ich singe zwar, dass ich „fancy“ nicht brauche. Der Grund wieso ich den Song geschrieben habe, ist das andauernde Gefühl, es doch zu brauchen. Weil mir das an mir selbst nicht gefiel, wollte ich es verarbeiten und dem Gedanken auf den Grund gehen. Ich habe mich gefragt „Warum brauche ich diese Tasche?“ oder „Warum brauche ich diese Schuhe?“. Ich denke, das Verlangen nach solchen Sachen entsteht vor allem, weil ich mich mit ihnen besser fühle. Zumindest denke ich, ich würde mich damit besser fühlen. Das wollte ich einfach nur verstehen und habe deshalb den Song geschrieben.

 

Den Song „Adams House“, der vor einigen Wochen rauskam, habe ich eigentlich für den Geburtstag des dänischen Kron-Prinzen geschrieben. Adams Haus ist ein Ort, in dem er regelmäßig feiern war, während er in Boston studierte. Dort konnte er anonym sein. Er war kein Prinz, er war einfach Frederic. Es geht einfach darum, dass jeder einen Platz braucht, an dem er einfach nur Spaß haben, den Moment genießen und anonym sein kann.

 

Man ist frei...

Ja, ganz genau! Man ist frei. Und manchmal braucht man das einfach.

 

Wie unterscheidet sich „Fastland“ von deinen früheren Alben?

Es ist nicht so sehr „folky“. Die akustische Gitarre ist viel weniger vertreten als früher. Dieses mal konnte ich einfach nichts schreiben und auf Papier bringen, als ich da saß mit der Gitarre. Deshalb fing ich an, andere Sachen auszuprobieren. Das Album ist im Ergebnis eher Piano-basiert und hat auch schnellere Songs im Vergleich zu den Vorgängern. Daher ist es radiotauglicher und zugänglicher für neue Hörer. Keine schwere Kost, gleichzeitig hat es aber auch die Tiefgründigkeit, die mir wichtig ist.

 

Du hast gesagt, dass es, als du mit deinem neuen Album starten wolltest, einen Schlüsselmoment gab, an dem deine Gitarre nicht mehr mit dir „sprechen“ wollte. Du hattest Angst, dass deine Musik eher ein Geschäft als kreative Arbeit werden könnte. Woher glaubst du kam diese Blockade?

Ich glaube die Blockade war meinen Emotionen geschuldet. Ich habe mich in dem Moment unglaublich toll gefühlt. Ich hatte gerade eine riesige Solo-Tour in Dänemark hinter mir, in den größten Konzerthallen, alleine mit meiner Gitarre. Das schrieb ich in meine Biographie nieder, die übrigens auch auf deutsch rauskommt. An dem Zeitpunkt hatte ich meine Biografie schon auf dänisch veröffentlicht – ein Buch über mein Leben und meine Musik . Und ich dachte nur „Ok, jetzt wird mich jeder wirklich verstehen“. Andererseits hatte ich das Gefühl, nichts mehr erzählen zu können. Besonders dadurch, dass ich alles schon ins Buch geschrieben hatte.

 

 

Hast du wirklich alles in deine Biografie geschrieben? 

Ja, einfach alles, was mit meiner Musik zu tun hat, habe ich in dieses Buch verfasst. Die Blockade war ein guter Moment in meinem Leben aber auch ein komischer, weil ich sowas nie hatte und nie neue Dinge probieren musste. Ich konnte mich immer mit meiner Gitarre hinsetzen und Songs schreiben. Und jetzt setze ich mich hin und es ist nichts mehr da, was ich erzählen kann. Ich habe mich dann von Song zu Song gehangelt. Immer wieder passierte etwas neues, neue Türen wurden geöffnet, neue Orte die ich besuchen konnte. Das konnte ich letztendlich verarbeiten. Es war toll das Album zu machen.

 

Was hat dir Mut gemacht, musikalisch einen neuen Weg zu gehen?

Ich hatte keine Wahl! Aber ich entfernte mich auch nicht Meilen weg von dem, was ich normalerweise gemacht habe. Ich glaube, ich habe auch viel Sicherheit durch die Arbeit mit Helgi, meinem Ehemann, bekommen. Mit ihm habe ich vor nichts mehr Angst. Er kann mir immer sagen, ob sich etwas gut oder schlecht anhört. Es ist auch kein verrücktes Album, wir haben keine krassen Sounds verarbeitet. Wir haben einfach gemacht, was sich gut angehört hat.

 

Zu Hause haben wir ein großes Studio, wir haben einen „Drum Kid“ und alle Instrumente die man braucht. Es ist einfach normal, sich hinzusetzen und mit den Trommeln zu spielen oder den Synthesizern zuzuhören und ab dann ergibt sich alles. Ich weiß nicht, ob es wirklich viel Mut braucht. Es ist eigentlich nur der Versuch, mit der Musik Spaß zu haben.

 

War es schwer, deinen üblichen Weg zu verlassen? 

Schwer... nein, das würde ich nicht sagen. Mit der Zeit bin ich sehr gut darin geworden, Sachen, die sich richtig anfühlen, umzusetzen und mich von Dingen abzuwenden, die sich falsch anfühlen. Wie man sagt: „Töte deine Lieblinge“. In der Vergangenheit gab es immer mal eine kleine Idee, die ich wirklich mochte und ich dachte „Das können wir in etwas Großartiges verwandeln“ und auch wenn es ewig gedauert hat und nicht so richtig wollte, habe ich immer weiter gemacht. Nach dem Motto "irgendwann klappt's". Jetzt ist es eher so, dass ich sofort neue Sachen probiere, wenn die Projekte nicht so richtig in die Gänge kommen. Das gibt viel mehr Flow, wenn ich arbeite und dann weiß ich auch, dass ich Ergebnisse sehen werde. 

 

Schon mit deinem letzten Album warst du super erfolgreich. Mit „Whispers“ hast du es in Dänemark an die Spitze der Charts geschafft und in Deutschland Platz 26 erreicht. Wie wichtig ist es dir, bei all dem Erfolg und den vielen Terminen, dir Zeit für Dich selber zu nehmen?

Ich habe leider keine Zeit für mich selbst...

 

Gar keine? Keine Rituale oder etwas ähnliches? Wellness oder gutes Essen?

Ach Gott, ich wünschte... aber nein. Wobei, naja doch. Ich wohne in Island und dort hat Wasser und besonders heißes Wasser ein besonderen Stellenwert. Hot Pots! Viele Leute haben sie in ihrem Garten. Es ist ein großes Bad gefüllt mit heißem Wasser. Wir nutzen sie auch im Winter, wenn es schneit. Überall gibt es Schwimmbäder mit Hot Pots. Ich liebe es bei Regen und Wind einfach im heißen Wasser zu sitzen und die Natur zu genießen. Ich versuche so oft wie möglich in der Woche dort hinzugehen. Mindestens drei mal die Woche. Es gibt auch ein sehr kaltes Wasserbecken, um die 4 Grad kalt. Ich wechsle immer zwischen heißem und kaltem Wasser. Es fühlt sich unglaublich toll an, den Tag so zu starten. 

 

Also ist es wie ein Wellness-Programm...

Für mich ist es das, absolut Zen!

 

 

Welchen Moment deiner Karriere würdest du als den schönsten und besondersten bezeichnen?

Oh, es war bisher eine lange Karriere und es waren sehr viele unglaublich aufregende Momente. Zum Beispiel als ich auf der Hauptbühne des größten dänischen Festivals „Roskilde“ spielte. Einfach ein legendäres Festival. Das war es definitiv die größte Errungenschaft meiner Karriere. 40.000 Leute und eine tolle Erfahrung.

 

Im Dezember hier in Hamburg in der Elbphilharmonie zu spielen, war auch ein überraschend schöner Moment. Allein in diesem Raum zu spielen, war etwas Besonderes an sich. Die Show war nach 4 Minuten ausverkauft und ich war geschockt. Man sagte mir, das läge nur daran, dass die Leute den Raum sehen wollen und nicht mich. Man würde mich nicht kennen und meine Musik nicht mögen und ich sollte nicht zu viel erwarten. Ich ging deshalb mit gemischten Gefühlen rein. Als ich aber auf der Bühne stand und ein paar Solo-Songs spielte, war der Applaus lauter als jede zuvor. Ich dachte es wird einfach so sein (klatscht langsam und gelangweilt in die Hände) „Alles klar, wer bist du?“, aber es war einfach so unglaublich und ich fing sofort an zu weinen, was ich noch nie zuvor auf der Bühne gemacht habe. Es war so intensiv und  und schön, auch weil man von Menschen umgeben ist. Das war sehr besonders.

 

Was inspiriert dich am meisten bei der Arbeit an neuer Musik?

Was mich am meisten inspiriert... Ich denke das war schon immer das Gleiche. Ich versuche etwas für jemanden zu erreichen, was ein bisschen größer ist als mein eigenes kleines tägliches Leben. Losziehen, um etwas zu greifen, was in der Luft zwischen uns Menschen ist, und versuchen etwas zu schaffen, was mich anderen näher bringt. Ich möchte Teil von etwas Größerem sein. Ich mag es, mich in etwas Großem klein zu fühlen und ich denke Musik ist dieses große Ding. Und ich versuche, da einfach höher hinaus zu kommen.

 

Also eine höhere Sphäre?

Ja. Ich glaube, ich versuche auf eine bestimmte Weise von mir selbst wegzukommen. Weg von meinem eigenen Kopf. Und strebe nach dem Zustand, der das Leben ist – poetisch und riesig. Im Alltag ist das Leben ganz gewöhnlich aber wir alle kennen das Gefühl, wenn wir die Kopfhörer in die Ohren stecken und tolle Musik hören, mitten im Leben. Dann denkt man sich plötzlich „Wow, ich bin in einem Film“. Es fühlt sich viel poetischer und bedeutungsvoller an. Wie ein Soundtrack in deinem Ohr. Es ist wie „Wow, das macht Sinn.“

 

Du hast bereits erzählt, dass du in der Elbphilharmonie warst. Wie hat es dir bei uns in Hamburg gefallen? 

Ich hab das Gefühl, an so vielen großartigen Orten gespielt zu haben und Hamburg war eine aufregende Erfahrung. Ich war auch bei Ina Müller am Hafen. Ich kannte die Show vorher natürlich noch nicht. Ich habe nur diese kleine Bar gesehen und ich dachte mir: „Das kann nicht sein, drehen wir hier? In dieser Bar? Die ist so unglaublich klein.“ 

 

Ja, das stimmt und dann auch noch mit den vielen Leuten...

Ja, sie hängen sogar durch die Fenster! Ich hatte eine kleine Band hinter mir und Ina war so voller Energie. Einfach die ganz Atmosphäre war klasse. Es hatte letztendlich natürlich auch einen sehr großen Einfluss auf meine Karriere in Deutschland, diesen Song mit ihr zu singen. Ansonsten ist die Laieszhalle auch ein toller Ort. Und die fliegenden Bauten. Ich weiß leider nicht, ob es die noch gibt. Es war im Grunde wie ein Zirkuszelt mit Musik drin. Ein sehr lustiger Ort zum Spielen.

 

Und warst du auch in der Natur? Zum Beispiel an der Alster oder an der Elbe?

Nicht wirklich. Du meinst, was ich privat in Hamburg gemacht habe? Das ist viele Jahre her, weil ich momentan nur reise und Konzerte gebe. Da fehlt einfach die Zeit, um viel zu sehen. Außer, wenn wir unsere Spaziergänge machen, um einfach ein Gefühl der lokalen Atmosphäre zu bekommen.  

  

Ich würde es sehr toll finden, mehr Zeit hier zu verbringen. Ich habe sehr viel Zeit in Berlin verbracht, weil mein Mann dort arbeitet. Wir sind dort für einige Monate hingezogen und haben dort Musik gemacht. Das würde ich gerne auch in Hamburg machen. Mein Mann arbeitet eng mit einem deutschen Theater-Regisseur zusammen, Falk Richter. Wir haben daher eine starke Bindung zu Deutschland.

 

Also bist du auch privat hier und nicht nur für die Musik?

Ja, mit Helgi. Er hat in Berlin gesungen und ist in Frankfurt gemeinsam mit Falk aufgetreten. Vielleicht wird es als nächstes Hamburg sein...

  

 

Alles zu Tina Dico erfahrt Ihr unter: www.tinadico.com

Hier findet Ihr Tina bei Facebook und bei Instagram

 

 

Fotos: Samantha West